„Be proud“ – Warum die eigene Zufriedenheit so oft davon abhängt was unsere Eltern von uns denken.

Wir lieben Sie und wir hassen Sie. Sie sind unsere engsten Vertrauten und die Menschen die uns am meisten nerven wenn es darum geht was wir richtig oder falsch machen. Manchmal räumen Sie hinter uns her, manchmal werfen Sie uns ins kalte Wasser um uns eine Lektion zu lehren. Es gibt vieles was unsere Eltern tun oder auch nicht, dass uns prägt, begleitet oder auch verkorkst. Davon kann ich natürlich auch ein Lied singen und gewiss war in meinen Augen nicht alles gut was in den Augen meiner Eltern „das Beste“ für mich war.

Doch ohne jetzt tief in der Vergangenheitskiste zu wühlen möchte ich hier einfach mal deutlich machen, wie sehr mich, und vielleicht ist es bei euch ja ähnlich, die Meinung meiner Eltern auch heute noch immer beeinflusst.

Meine Mama platzte stets vor Stolz  wenn ich etwas erreichte, eine gute Note nach Hause brachte oder in meiner Theatergruppe eine Rolle spielte. Egal auf welcher Bühne ich stand, welchen Schritt im Leben ich meisterte es war immer gut genug und mehr als zufriedenstellend für Sie, dass Ihre Tochter Ihren eigenen Weg geht. Sie prahlte bei Oma und Opa, erzählte Ihren Freundinnen davon und ließ mich immer wissen wie stolz Sie auf mich ist. Natürlich fühlt sich das gut an. Es ist ein schönes Gefühl anerkannt und geschätzt zu werden denn das ist es was jeder von uns ersehnt. Dennoch gibt es Menschen die einen immer wieder auf den Boden zurückholen können.

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©cocovonmünchenfotografie

Ich habe immer zu meinem Papa aufgeblickt. Er war für mich ein starkes Vorbild, ein wichtiger Fels und eine Vertrauensperson. Er las mir und meinem Bruder Geschichten vor, ging mit uns draußen spielen und legte viel Wert auf Regeln und Grenzen. Er vermittelte das was, in meinen Augen, für Kinder wichtig und richtig ist und ich stellte mir immer vor zu werden wir er wenn ich einmal erwachsen bin. Viel zu viele Jahre verbrachte ich damit mir immer neue Ziele zu setzen um eines Tages so klug, stark und weltgewandt zu sein wie er.

Was ich nicht bemerkte und leider erst heute verstehe ist, dass ich einem Ideal von mir selbst nachgejagt bin, dass ich gar nicht hätte werden müssen und unabhängig davon auch niemals hätte werden können. Jedes Ziel das ich mir setzte, setzte ich mir nur um Anerkennung zu bekommen. Um zu hören, dass ich gut bin wie ich bin und das er stolz auf mich ist. Doch mit jedem Schritt den ich ging, mit jedem Erfolg den ich hatte, bekam ich immer wieder zu spüren, dass es nie genug sein würde. Ich machte meinen Realschulbschluss, mein Abitur, beendete meine Ausbildung bei der Bank. Keinen dieser Erfolge feierte er mit mir.. Ich begann ein Studium in dem ich wirklich gute Noten schrieb. Die Reaktion darauf war: „Na da bin ich gespannt was aus dir noch wird“. Ich kaufte mir neue Klamotten, verpasste mir einen neuen Haarschnitt doch es wurde nicht wahrgenommen. Ich nahm 20 Kilo ab, keine Reaktion.

Mit Mitte 20 zog ich 650 km von zu Hause weg. Seitdem sind über 4 Jahre vergangen. Kein einziger Besuch, kaum Anrufe, keine Briefe. Wenn es etwas Neues bei mir gibt lasse ich Ihn teilhaben, er regiert wenig oder gar nicht.. Ich versuche auf jede Veränderung in meinem Leben eine positive Reaktion zu bekommen, die leider immer ausbleibt. Kurz gesagt, ich versuche alles um Anerkennung zu bekommen und falle damit eigentlich zu 100% immer wieder auf die Nase.

Ich möchte aus diesem Beitrag gewiss keine Therapiestunde machen, dennoch stelle ich fest, dass ich trotz meines Alters, meines eigenen Lebens und meiner eigenen Entscheidungen noch immer darauf warte, dass man stolz auf mich ist. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich über bestimmte Entscheidungen erst einmal nachdenke und mir überlege was meine Eltern dazu sagen würden. Auch mein Äußeres (das schon in meiner Kindheit immer kritisiert wurde weil ich zu dick war) war und ist permanent ein Thema für mich. Jedes Bild das ich verschicke weckt in mir die Hoffnung als hübsch bezeichnet zu werden. Ich giere ständig nach netten Worten und Anerkennung obwohl ich Sie von anderer Stelle problemlos bekommen könnte.

Nun stellt man sich die Frage „Lohnt sich die Energie?“. Sollte ich weiterhin darauf hoffen irgendwann die Anerkennung und Liebe zu erhalten die ich mir so sehr wünsche oder sollte ich mich davon lösen, mein Leben leben und lernen mit dem zufrieden zu sein, was ich mir erarbeitet habe?

Zugegeben viele Handlungen, gerade emotionaler Natur, können mich noch heute tief treffen, doch bin ich mittlerweile an einem Punkt angekommen an dem ich mich nicht mehr so sehr bemühe perfekt zu sein. Denn ich muss nicht perfekt sein. Nicht für meine Eltern und auch für niemanden sonst. Natürlich tut es gut zu wissen, dass die eigenen Eltern stolz auf einen sind. Aber was hat das für einen Wert wenn man den Großteil seiner Zeit damit verbringt Wege zu gehen die einen von dem weg führen was man wirklich will? Wenn man sich nicht entfalten kann weil man sich selbst einschränkt, nur um ein Muster zu erfüllen und andere glücklich zu machen? Was bringt es hunderte Male im Spiegel seine Makel zu beobachten und sich über die vergeigte Klausur zu ärgern nur weil irgendjemand etwas scheinbar Besseres von uns erwartet?

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Ich fange allmählich an zu verstehen, dass nicht wichtig ist welche Haarfarbe meinem Umfeld gefällt oder wie ich mich ab einem gewissen Alter verhalten sollte. Vor kurzem entschied ich mich meine Haar pink zu färben. Ich werde bald 30 und freue mich auf meine nächsten Tattoos, die bunt, kindlich und keineswegs erwachsen sein werden. Ich habe meinen seriösen Bankjob und mein Studium geschmissen und begonnen Ich zu werden. All die Zweifel, die Angst nicht gut genug und nicht die perfekte Tochter zu sein versuche ich hinter mir zu lassen. Meine neue Haarfarbe stieß wie ich erwartete nicht auf Begeisterung, doch es belastete mich nicht. Ich werde die Person die ich von Anfang an werden sollte. Auch wenn es Jahre und Jahrzehnte gedauert hat und es gewiss immernoch viele Situationen gibt und geben wird die mich verletzen, so lasse ich mich nicht mehr von meinem richtigen Weg abbringen. Denn nur so kann ICH in den Spiegel sehen und stolz auf mich sein. Und zählt denn etwas anderes?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. berriebetty sagt:

    LIebe Evy ich danke dir für deine lieben Worte =) Da ich dich kennenlernen durfte kann auch ich dir sagen, dass ich absolut toll finde wie du dein Leben lebst. Soviel Lebensfreude und Offenheit für Neues nach einem so schweren Weg bewundere ich sehr. Bleib so wie du bist =)

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  2. Evy sagt:

    Hey,
    Sehr gut, dass du deinen Weg gehst. Und auch wenn es egal sein sollte was ich denke…
    Aber ich bin stolz auf DICH!

    Ich habe auf Grund einiger Ereignisse und Krankheiten die Erkenntnis erlangt, dass man keine Zeit und Energie verschwenden soll anderen zu gefallen sondern das EIGENE Leben so zu gestalten wie es einen selbst am besten erfüllt mit Selbstliebe, Freude und Zufriedenheit.
    Wenn ich mich selbst ertappe, dass ich Zweifel habe etwas zu tun weil evtl. es anderen nicht gefällt – dann sage ich mir: “ Wenn ich morgen sterben würde, dann will ich davor so entschieden haben, dass ich zufrieden war bis zu meinem letztem Atemzug einfach nur weil ich ICH war.“

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