#personal ; Mut zur Veränderung!

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Die letzten zwei Stunden meines Arbeitstages verstreichen und ich fiebere auf den Feierabend hin. Scheinbar lächerlich langsam und als wollte er sich über mich lustig machen kriecht der Uhrzeiger in Richtung 16 Uhr. Alle paar Sekunden schaue ich hoch um mich zu vergewissern, dass wieder etwas Zeit vergangen ist doch jedes Mal bin ich aufs Neue enttäuscht wie viel noch vor mir liegt.

Heute war wieder einer dieser Tage von denen ich das Gefühl habe , dass Sie überwiegen. Beinahe jeder Kunde der reinkommt geht mir mit seinen dummen Fragen auf die Nerven, obwohl es sicher nicht persönlich gemeint ist. Zwei der vielen Menschen die heute an meinen Schalter gekommen sind haben mal wieder Ihren Frust an mir ausgelassen, mich angeschrien und mir das Gefühl gegeben ich sei zu nichts nütze. Respektlos und ungeduldig musste ich mich beschimpfen und meine Arbeit kritisieren lassen. Proffessionell wie ich bin habe ich die Situation gelöst und meinen Ärger darüber herunter geschluckt. In meinem Job muss man eben serös bleiben, sonst kann einen das ganz schnell den Arbeitsplatz kosten.

Die letzten 1 1/2 Std.  bin ich wie immer damit beschäftigt Telefonlisten abzuarbeiten, Zahlungen zu überprüfen, Überweisungen einzugeben und die Kasse zu zählen. Die ewig gleiche Routine. Zwischendurch ein Beratungsgespräch oder Telefonat und immer wieder der Gang zum Schalter auf den, zwar wunderschönen, hohen Pumps die ich mir extra für die Arbeit zugelegt habe, die sich aber nach beinahe acht Stunden stehen anfühlen als hätte ich Bärenfallen an den Füßen. Draußen misst es kuschelige 28 Grad im Schatten und ich schwitze in meinem Blüschen und meinem Blazer die kompletten 3 Liter Wasser aus die ich heute schon getrunken habe. Fantastische Aussichten.

Als es dann endlich 16:00 Uhr schlägt hüpft ein kleiner Quälgeist Namens Ungeduld in meinem Inneren hin und her, reißt sich die Klamotten vom Leib und schreit „RAUS HIER RAUS HIER“! Ich schiebe die  Eingangstür zu und verschließe Sie, ordne die restlichen Verträge in die richtigen Ordner ein und sichere den großen Tresor im hinteren Teil unserer Geschäftsräume, nachdem ich sämtliche Gelder gezählt und fein säuberlich dort einsortiert habe. Geschafft! Acht Stunden, die eine gefühlte Ewigkeit für mich waren konnte ich hinter mir lassen. Ich ziehe meinen Blazer aus, wechsle die Schuhe und begebe mich Richtung Ausgang. Mit einem freundlichen „Schönen Feierabend“, verabschiede ich mich von meinen Kollegen bevor ich die Tür öffne und heraus in die Sonne trete. Als Sie hinter mir ins Schloß fällt und ich die Nase in die Sonne halte spüre ich wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Nachdem ich mich ein paar Schritte von meiner Geschäftsstelle entfernt habe und sicher bin, dass mich niemand mehr sehen kann, lasse ich sie einfach laufen. Sie kullern über meine Wangen, laufen runter zu meinem Kinn, machen dort kurz Rast und tropfen dann auf meine Bluse. Ich weine und weine, setze meine Sonnenbrille auf, damit es niemand sieht und fahre nach Hause, wo ich erst wieder zur Ruhe komme als ich in der Badewanne sitze und meine Lieblingsmusik mir aus dem Radio entgegenträllert. Eigentlich würde ich gern eine Flasche Wein öffnen aber es ist noch viel zu früh dafür, also versuche ich mich in dem nach Vanille und Lotus duftenden Wasser zu entspannen, Abstand zu gewinnen und den Kopf wieder etwas frei zu bekommen.

So oder so ähnlich verliefen meine Arbeitstage. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit stand ich auf, jeden Tag verrichtete ich die gleiche Arbeit und jeden Tag verschloß ich um die gleiche Zeit die Tür hinter mir. Und das acht Jahre lang. Ich wusste schon damals in der Ausbildung „Das ist nicht das Richtige für mich“, dennoch wollte ich es durchziehen um meinem Leben eine vernünftige Basis zu geben und das tat ich auch. Eigentlich war ich mir sicher, dass ich nach Abschluss dieser Ausbildung einen anderen Weg gehen würde, doch die Chance blieb irgendwie aus. Vielleicht war es auch Angst, äußere Umstände, private Probleme die mich immer wieder daran hinderten eine andere Abzweigung zu nehmen und zu sehen was sich dahinter verbirgt. Und so machte ich weiter, Tag für Tag. Ich funktionierte. Zumindest äußerlich. Innerliche zerbrach mit jedem Tag ein Stück mehr in mir und ich spürte wie meine Freude am Leben sich in Neid und Eifersucht auf alle anderen veränderte. In meinem Kopf rasten die Gedanken darum was ich tun könnte um schnellstmöglich aus diesem Leben zu fliehen und in einem anderen, besseren neu anzufangen. Mein BWL Studium (das ich angefangen hatte um mir eine noch soliderere Basis zu meinem bereits vorhandenen Wissen aufzubauen) belastete mich zusätzlich. Es war sterbenslangweilig, ich verstand nur die Hälfte und hatte wirklich wenig bis gar keine Lust mich in die Themen einzuarbeiten.

Gewiss war es nicht nur der Job der mich verzweifeln ließ. Es war nur ein großes von vielen Paketen die ich mit mir herum trug und die mich langsam unter sich zu begraben schienen. Der kleine Dämon in mir der mir sagte ich müsse besser, schneller, reicher werden und das am besten gestern wurde von mir unentwegt gefüttert. Er labte sich an meinem Unglück, an meinem inneren Chaos und wurde größer und größer. Manchmal schrie er mich an „STEH AUF UND TU ENDLICH WAS“ und manchmal hämmerte er so lange gegen meinen Schädel, dass ich unter Tränen und mit furchtbaren Kopfschmerzen einschlief. Ich wusste nicht mehr was ich wollte, was gut für mich war oder welches Problem ich zuerst lösen sollte. Eigentlich wollte ich einfach nur noch da liegen, in meinem dunklen Schlafzimmer. Einschlafen, aufwachen, umdrehen, wieder einschlafen. Wenn ich träumte, träumte ich schöne Dinge. Von Urlaub, von Freunden, von leckerem Essen, einmal sogar von einem Lottogewinn. Wenn ich dann aufwachte war es wieder da, das Chaos und die Probleme. Oft musste ich mir anhören „Du bist nicht die einzige die unglücklich in Ihrem Job ist“ oder „Stell dich mal nicht so an“, aber wenn man selbst in dieser Situation ist und weiß wie viel Lebensqulität es einem rauben kann, jeden Tag acht Stunden lang todunglücklich zu sein dann kann man es verstehen. Was man am Ende daraus macht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

Es dauerte lange bis ich es verstand, immerhin acht Jahre, in denen ich zwar nicht immer so unglücklich war wie zu diesem Zeitpunkt, doch ich war es. Eines Abends dann traf es mich wie ein Schlag. Während ich wieder einmal da lag und weinte wurde mir klar, dass ich so nicht weiter machen konnte. Ich konnte diese Arbeit nicht mehr machen, ich konnte dieses Studium nicht weiter führen, ich konnte meine schier endlose Anzahl von Paketen nicht mehr selbst tragen. Ich brauchte Hilfe!

In den folgenden Wochen und Monaten ging ich nicht arbeiten. Ich konnte nicht. Ich brauchte Zeit und Ruhe um mir darüber klar zu werden was ich will, wie ich es anpacken will und wer mir dabei helfen könnte, da ich wusste allein war es unmöglich. In diesen insgesamt sechs Monaten verbrachte ich meine Zeit mit viel Sport, viel Schlaf und das Allerwichtigste, ich ging zu einer Therapeutin. Viele denken man müsste einen an der Klatsche haben um diesen Weg zu gehen, das aber ist totaler Unsinn. Diese Entscheidung, es war eine lebenswichtige für mich, hat mir geholfen mich aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie hat mir geholfen mich, mein Handeln und vor allem das was ich will aus einer Perspektive zu sehen die ich nie für möglich gehalten hätte. Mit jeder Stunde die ich dort verbrachte lichtete sich mein Chaos, ein Paket nach dem anderen konnte geöffnet, sortiert und geleert werden. Mein kleiner Dämon sitzt jetzt in einer kleinen Ecke meines Bewusstseins und bettelt nach Nahrung. Er hat noch immer ein kleines Wohlstandsbäuchlein und wird so schnell nicht verhungern aber eines Tages bin ich sicher werde ich ihn begraben können.

Die letzten zwei Stunden meines Arbeitstages sind um. Lächelnd verabschiede ich die letzten Mitglieder, die frisch geduscht nach Ihrer Sporteinheit an der Bar vorbei kommen um sich noch einen Drink abzuholen. Alle Arbeiten sind erledigt, die Musik ist verstummt und langsam merke ich wie mich die Müdigkeit einholt, denn es ist bereits nach Mitternacht. Als ich meine Turnschuhe ausziehe und in meine Flip Flops schlüpfe merke ich das mir Füße und Rücken weh tun und ich mich unglaublich auf meine Dusche und mein Bett freue. Die letzten acht Stunden sind irgendwie verflogen. Bevor ich gehe blicke ich mich noch einmal um um mich zu vergewissern, dass ich nichts vergessen habe. Dann trete ich hinaus in die erfrischende Nachtluft und schließe die Tür hinter mir. Als Sie ins Schloss fällt schließe ich ab und gehe lächelnd zu meinem Fahrrad. Die kühle Luft weht mir um die Ohren und die Lichter des Studios in dem ich arbeite werden hinter mir kleiner. Auf dem Weg nach Hause genieße ich die Stille und stelle wieder einmal fest „Das war ein schöner Tag!“.

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