Herausforderung Selbstliebe

2004:

Ich streiche mein Oberteil glatt um es dann doch wieder hochzuraffen, damit man den Bauchspeck nicht allzusehr sieht. Der Stoff fühlt sich ekelig an auf meiner Haut. Ich habe das Gefühl er haftet an mir wie angeklebt, pappt an meinem Bauch wie eine zweite Haut und verdeckt so rein gar nichts. Ganz im Gegenteil. Jedes Röllchen, jede Delle einfach jede noch so kleine Wölbung ist eins zu eins darunter erkennbar. „Scheiße“, denke ich während ich mich hin und her drehe und versuche jede Perspektive im Spiegel zu sehen die jemand anderer sehen könnte. Ich prüfe mit kritischem Blick in welcher Position ich am vorteihaftesten aussehe und wie ich mich besser nicht bewege damit mein Oberteil nicht allzusehr in die falsche Richtung rutscht. Wenn ich die Handgriffe noch ein paar Mal wiederhole dann kann mir später jedenfalls nichts passieren. Ich weiß ja dann wie ich auch ohne Spiegel wieder alles an seinen Platz bekomme. Obwohl ich mich wohler fühlen würde wenn ich wüsste es wäre ein großer Spiegel vor Ort den ich regelmäßig aufsuchen könnte um das nochmal gegenzuchecken.

Gut, das Top sitzt also. Jetzt die Hose. Ich hatte mich eigentlich für eine Hüfthohe Jeans entschieden in der, wie ich finde, mein Hintern ziemlich gut zur Geltung kommt, aber die kann ich definitiv nicht tragen. Darin sieht es aus als wäre ich ein Hängebauchschwein, dessen Schwarte über dem Bund hängt. Ich entscheide mich stattdessen für einen Jeansrock, der zwar recht kurz ist, den ich aber bis zum Bauchnabel hochziehen und damit den hässlichen Wanst verstecken kann. Ahh viel besser. Wenn man den Speck einmal versteckt hat atmet es sich auch gleich viel angenehmer. Das ständige Bauch einziehen wird im Laufe eines langen Abends doch irgendwann anstregend.

Nachdem ich soweit bin, dass Ober- und Unterteil zusammenpassen drehe ich vor dem Spiegel noch fünf sechs Runden und stelle dann fest, dass in dem Oberteil meine Brüste einfach lächerlich aussehen. Lächerlich klein. Keine Rundung im Dekollté …Sorry aber das geht garnicht. Gut eine Lösung hab ich dafür schon. Ich wollte das eigentlich heute vermeiden weil das einfach jedes Mal damit endet das ich am Ende des Abends wünschte ich hätte gar nichts an aber es geht nunmal nicht anders. Ein zweiter BH muss her. Und zwar einer mit großen Kissen. Am Besten stopfe ich noch zwei zusätzliche rein. Wenn ich mir meine Freundinnen und deren Oberweite so angucke will ich mich schließlich nicht blamieren. Ich merke schon beim anziehen, dass das furchtbar spannt und eigentlich viel zu eng ist aber was soll ich machen? Ich hab nunmal nur ein kleines B-Körbchen und von allein stehen wollen die auch nicht und bevor mich jemand auslacht ertrage ich lieber ein paar Stunden das es weh tut.

Mein Dekollté sieht gut aus, ich bin fast ein bischen stolz. Jetzt gehts an die Haare. Frisch gewaschen sind sie und über Kopf geföhnt. So viele hab ich nämlich nicht und wenn ich die nicht richtig style ist das mit dem Volumen dahin. Also schnappe ich mir meine Bürste, mein Haarspray und meinen Kamm und lege los. Ein bischen toupieren hier, ein bischen mehr Haarspray da und voilá….sieht klasse aus….sofern ich mich heute nicht allzuviel bewege. Das heißt ich muss mich beim Tanzen ein bischen im Griff haben. Vermutlich packe ich lieber auch noch ein Haargummi ein, da ich in der Disco eh wieder so elendig schwitze und die offenen Haare dann nicht mehr ertragen kann. Zu später Stunde interessiert dann eh keinen mehr wie ich aussehe…hoffentlich.

Jetzt noch ein bischen Make up und die passenden Schuhe und es kann losgehen. Um sieben kommen die Mädels zum vortrinken. Da muss ich schon ordentlich Gas geben, betrunken kann ich mich nämlich ein bischen besser leiden und irgendwie gefällt mir dann auch mein Spiegelbild.

2007

„Luft anhalten, nicht bewegen…uuund abdrücken“…Scheiße, wieder kein schönes Foto. Wie schwer kann es sein von mir ein schönes Bild zu machen?

Ich steh seit bestimmt einer halben Stunde vor meinem Badezimmerspiegel und versuche mit meiner Digitalkamera ein paar halbwegs hübsche Bilder zu machen. Ich brauche einfach was Neues für meine StudiVZ Seite und mein Facebook Profil. Schließlich hab ich in den letzten Wochen fast zehn Kilo verloren und mein werter Herr EX Freund darf ruhig sehen was ihm entgeht. So ein Idiot. Ruft mich an und macht am Telefon mit mir Schluss. Wer macht denn sowas bitte? Würde es mir nicht so dreckig gehen wäre ich bei ihm vorbei gefahren und hätte ihm mal gehörig die Meinung gesagt. Stattdessen habe ich seit Wochen nur geheult und kaum noch was gegessen. Blöd eigentlich aber an irgendwas muss es ja liegen das er mich hat sitzen lassen.

Mein Charakter kann es nicht sein. Dumm bin ich auch nicht und ich war immer gut zu ihm, hab ihm jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Ich würde auch mal behaupten das der Sex echt gut war. Und wenn all das keine Gründe sein können warum er mit mir Schluss macht, bleibt ja nur ein Grund. Ich bin zu hässlich, zu dick, meine Brüste sind zu klein und meine Lippen zu schmal. Was soll es anderes sein? Ich hab Fotos von der Tussi gesehen mit der er sich seit neuestem trifft, tja und die hat ganz zufällig genau das was ich nicht habe. Lange Haare, große Titten und nen flachen Bauch. Also liegt der Grund doch wohl klar auf der Hand. Wie soll ich da mithalten? Das kann ich dann schon auch ein bischen verstehen.

Nachdem eine weitere halbe Stunde vergangen ist gebe ich mich mit ein zwei Bildern von den über 50 Stck die ich geschossen habe zufrieden. Zumindest sehe ich auf denen auf denen ich lange genug die Luft anhalten konnte schlank aus. Das ich ne Stunde gebraucht hab um das Bild zu schießen muss ja keiner wissen.

2011

Als ich und eine gute Freundin die Diskothek betreten, trifft mich fast der Schlag. Ich fühle mich unwohl, überfordert, total overdressed und irgendwie fehl am Platz. Vor kurzem hatte ich beschlossen endlich mal Frauen zu daten. Irgendwie hatte ich das ja schon mit mir rumgeschleppt seit ich mit 16 das „erste Mal“ mit meiner besten Freundin hatte. Naja wenn man das so nennen konnte. Ich hab gefummelt und sie hats genossen aber mich hats nie wieder losgelassen. Hätte Sie damals nicht so eine Angst davor gehabt wären wir vielleicht sogar zusammen gekommen, wer weiß das schon.

Jedenfalls stehe ich in dieser riesigen Halle und um mich herum nur Frauen. Frauen mit kurzen Haaren, langen Haaren, dick, dünn, groß, klein…alles vertreten. Als wäre ich ein kleines Kind im Süßigkeitenladen. Die einzige die da nicht so richtig rein passt bin ich, gut sagen wir ich und meine Freundin. Wir stehen also da mit unseren Leopardentops unseren hohen Schuhen und unseren durchgestylten Haaren und kommen uns komplett affig vor. Ich glaube so wenig bewegt habe ich mich in einer Diskothek noch nie. Nachdem wir etwa drei Stunden damit verbringen an zwei Bier zu nippen und in irgend ner Ecke zu stehen gehen wir wieder.

In den folgenden Wochen lerne ich viele verschiedene Mädels kennen, die aber alle irgendwie nicht so zu sein scheinen wie ich. Eine hat es mir besonders angetan. Klein, kurze Haare, legérer Kleidungsstil. Nicht besonders feminin aber mir ist eh schon aufgefallen, dass meine Blicke eher an den maskulinen Mädels hängen bleiben.

Nachdem wir das erste Mal daten und ein paar schöne Tage miteinander verbringen, sagt Sie mir, dass das mit uns wohl nichts wird. Sie sei gerade erst aus einer Beziehung raus und noch nicht darüber hinweg und überhaupt passt das alles nicht so. Darüber mache ich mir natürlich meine Gedanken. Da wir uns eigenltich super verstanden haben stellt sich mir die Frage nach dem „Warum?“ garnicht. Es muss an meinem Äußeren liegen. Klar, wenn ich mal so an den Discobesuch von neulich zurück denke, dann versthe ich schon warum sie mich nicht will. Ich bin ja viel zu feminin für das alles.

Also ziehe ich kurze Zeit später los und kaufe ein paar lockere Jeans, sportliche Oberteile und Westen und lasse mir die Haare kurz schneiden. Ha, schon viel besser. Sieht doch alles mehr nach ner Frau aus die auf Frauen steht. Innerlich bin ich zwar noch nicht so hundertprozentig überzeugt von meinem neuen Ich, aber das kommt schon noch.

Während der nächsten Wochen und Monate lerne ich viele verschiedene Frauen kennen und ungefähr jede zweite will mit mir ins Bett. Muss wohl an meinem Äußeren liegen, wobei ich wirklich sagen muss, dass ich noch immer nicht so richtig überzeugt davon bin wenn ich in den Spiegel sehe. Vielleicht dauert es einfach wenn man sich so sehr verändert bis man sich daran gewöhnt hat? Ich muss das mal weiter beobachten.

2016

„Hier, genau so möchte ich aussehen. Finden Sie nicht, dass der Körper einfach der Hammer ist? Und die ist auch richtig erfolgreich bei Youtube und so. Das hat die nur dem harten Training und Ihrem Aussehen zu verdanken. Wenn ich es also schaffe in ein paar Monaten so auszusehen, dann bin ich sicher bin ich endlich zufrieden und jeder wird mich bewundern.“

Meine Therapeutin lächelt mich an und fragt mich ob ich der Meinung bin, dass sich mein Leben ändern würde wenn ich so aussehe. „Natürlich“, sage ich, „Der Erfolg kommt dann von ganz allein und damit auch ein guter Nebenverdienst“.

Die Frau auf dem Foto heißt Michelle Lewin und ist eine, in der Szene , sehr bekannte Bodybuilderin in der Bikiniklasse. Als ich vor zwei Monaten das erste Mal in ein Fitnessstudio ging und dem Herrn dort sagte was ich machen möchte kam ich mir richtig blöd vor, aber jetzt kann ich schon richtige Erfolge sehen. Sechs Kilo hab ich schon abgenommen und demnächst bekomme ich wieder einen neuen Trainingsplan. Was das Essen angeht bin ich etwas unzufrieden weil ich meistens Hunger habe und das ganze Fleisch und der Reis mir irgendwie schon zum Hals raus hängen aber wenn man Erfolge sehen will muss man eben diszipliniert sein. Aktuell trainiere ich drei bis viermal die Woche und versuche an den Tagen dazwischen zum schwimmen zu gehen um noch ein bischen was für meine Ausdauer zu machen. Das schlaucht schon ziemlich muss ich sagen, aber wie gesagt, nur Disziplin bringt einen ans Ziel.

In neun Monaten möchte ich zum ersten Mal auf die Bühne. Mit einem Körper wie die Frau auf dem Foto. Darauf freue ich mich schon. Ich werde eines Tages morgens aufwachen und diesen Körper haben für den ich so lange trainiert habe und man wird mich bewundern und mir Komplimente machen weil ich so toll aussehe.

2017

Ziiternd und mit trockenem Mund nehme ich auf dem roten Sessel Platz der mir von einem der Mitarbeiter des Studioteams angeboten wird. Neben mir platziert sich ein weiterer Studiogast während mir gegenüber Steffen Hallaschka Platz nimmt. Rechts von Ihm sitzen Nora Tschirner und Taryn Brumfit. Wir befinden uns bei Stern TV. Wie aufregend!

Während noch jeder von uns damit beschäftigt ist richtig platziert zu werden läuft im Hintergrund auf der großen Leinwand schon der Trailer unseres Beitrages. Als ich endlich sitze und das Gewusel um mich herum sich gelegt hat wende ich den Blick zur Leinwand. Da sehe ich mich. Ich habe pinke Haare, trage ein schwarzes Top und darüber eine schwarz weiß gemusterte Strickjacke. Die Stimme aus dem Hintergrund fragt mich irgendwas und ich antworte mit Tränen in den Augen „Ich würde einfach nur gern morgens aufwachen, die Augen öffnen und denken „Du bist ein toller Mensch und siehst gut aus“…. In meinen eigenen Augen sehe ich die Verzweiflung einer jungen Frau, eines jungen Mädchens, eines kleinen Kindes, dass sich Jahrelang für sich selbst geschämt hat. Eine Frau die sich Ihr Leben lang für Ihr Äußeres, für Ihre Figur, für jedes kleine Detail an Ihrem Körper geschämt hat und sich wünschte jemand anderer zu sein. Ich sehe das Mädchen das Stundenlang im Fitnessstudio steht ohne einen Bissen gegessen zu haben. Ich sehe das Mädchen das weinend auf der Waage oder vor dem Spiegel steht. Ich sehe die junge Frau die den Partyabend mit ihren Freunden absagt weil Ihre Haare nicht sitzen. Ich sehe einen Menschen, der sein ganzes Leben lang unglücklich war nur weil er nicht akzeptieren und lieben konnte was und wer er ist und ich frage mich in diesem Moment „Ist das eigentlich dein scheiß Ernst was du da von dir gibst Nadine?“

Silvester 2018

„Ahhhh das mit dem Selfies wird echt nicht einfacher. Scheiß Kamera. Warum isn das so dunkel?“

Bis ich endlich ein paar Fotos geschossen habe die mir gut gefallen dauert es einen Moment aber da sind echt n paar heißen Bilder dabei. Die hoch geschnittene Jeans und das minimal Bauchfreie Oberteil stehen mir aber auch echt gut. Da das Outfit eh schon nach „GUCK MICH AN“ schreit knote ich meine Haare in einem klassischen Dutt nach oben. Wie gut das ich nen Haardonut da habe. Die paar Flusen können ein bischen schummeln vertragen. Nachdem die Haare sitzen trage ich noch ein klein wenig MakeUp auf und lege eine Perlenkette um. Ein wenig Parfum hier und da und los gehts.

Ich fühle mich so schön und freue mich mir gleich richtig schön beim Raclette den Bauch vollschlagen zu können!

IMG_1586.jpg
©cocovonmünchenfotografie

Manchmal braucht es viele Jahre um zu erkennen und zu verstehen, dass man so wie man ist einfach perfekter nicht sein könnte. Ich habe bisher fast mein ganzes kurzes Leben damit verbracht gegen mich selbst zu kämpfen und habe mich damit selbst fast zerstört. Seit ich aufgehört habe zu kämpfen habe ich viel mehr Zeit und Kraft mich selbst zu lieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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